Raoul Peck über seinen neuen Orwell-Film: «Kunst ohne Zweck ist keine Kunst»

Raoul Peck
Mit seinem neuen Dokumentarfilm «Orwell: 2+2=5» richtet Raoul Peck den Blick auf George Orwells Leben und auf die Warnungen, die dessen Roman «1984» bis heute lesenswert machen. Der haitianische Regisseur eröffnete am Samstag in Bern den schweizweiten Dokumentarfilmmonat Let’s Doc! und sprach dabei über Kunst, Politik und seinen Zugang zum Schriftsteller. Peck erzählt, Orwell zunächst in der Schule kennengelernt zu haben. Damals sei ihm dessen Literatur vor allem als Dystopie und Science-Fiction begegnet. Als junger Leser habe er lieber Bücher gesucht, die ihm halfen, seine Herkunft und die Probleme seines Landes zu verstehen. Erst als Erwachsener habe er in Orwells Essays eine Nähe zu den Entwicklungen der Gegenwart entdeckt. Für das Filmprojekt habe er sich weiter in dessen Werk vertieft, besonders in den Essay «Why I Write», in dem Orwell seine Beweggründe fürs Schreiben beschreibt. Die Idee, mit Kunst Missstände sichtbar zu machen, entspricht laut Peck auch seinem eigenen Antrieb. Als er mit 26 Jahren eine Filmschule besuchte, habe er bereits eine politische Haltung gehabt und aus einem entsprechenden Umfeld gestammt. Er habe von Anfang an versucht, mit seiner Arbeit Veränderungen anzustossen. Seine Überzeugung fasst er knapp zusammen: Kunst ohne Zweck sei keine Kunst. Für den Film durfte Peck nach eigenen Angaben den gesamten Nachlass Orwells einsehen. Er wollte dem Schriftsteller möglichst nahekommen und vermitteln, was dieser sagen wollte. Die Erzählung wird von Texten Orwells getragen, die der Schauspieler Damian Lewis eingesprochen hat. Im Mittelpunkt steht ein Autor, der an seinem letzten Buch arbeitet und weiss, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt. Historische Aufnahmen, Ausschnitte aus Spielfilmen und Bilder von Reden früherer und heutiger Regierungschefs ergänzen die Texte. Peck habe bei jeder Passage gefragt, welche Bilder deren Aussage am besten ausdrücken. Auch die Musik sollte zur jeweiligen Zeit passen. So verbindet der Film Orwells Lebensgeschichte mit Themen wie Propaganda, Desinformation, Sprachmanipulation und Zensur, die Peck weiterhin für aktuell hält.
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